Was ist Fibromyalgie?

Eine Erklärung von Dr. med. Kathrin De Beer – Fachärztin für Innere Medizin und Fibromyalgie-Spezialistin

Dr. med. Kathrin De Beer Dr. med. Kathrin De Beer · Fachärztin für Innere Medizin
Definition

Fibromyalgie — ein chronisches Schmerzsyndrom

Fibromyalgie (ICD-10: M79.7) ist ein chronisches Schmerzsyndrom, das durch weitverbreitete Schmerzen im Muskel- und Bindegewebe, ausgeprägte Erschöpfung und einen nicht erholsamen Schlaf gekennzeichnet ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkennt Fibromyalgie seit 1992 als eigenständige Erkrankung an.

Im Kern handelt es sich um eine Störung der zentralen Schmerzverarbeitung: Das Nervensystem von Betroffenen reagiert auf Reize empfindlicher als bei gesunden Menschen — ein Phänomen, das als zentrale Sensitivierung bezeichnet wird. Das bedeutet: Die Schmerzen sind real, aber ihre Ursache liegt nicht in einer typischen, nachweisbaren Entzündung oder Gewebezerstörung, sondern in einer veränderten Wahrnehmung im Zentralnervensystem.

Fibromyalgie ist keine Einbildung, keine psychiatrische Erkrankung und keine Simulation. Sie ist eine gut beschriebene, klinisch definierte Erkrankung mit klaren Diagnosekriterien — und sie ist behandelbar.

Häufigkeit

Wie häufig ist Fibromyalgie in Deutschland?

In Deutschland leiden schätzungsweise 2–4 % der Bevölkerung — rund 2 bis 3 Millionen Menschen — an Fibromyalgie. Damit gehört sie zu den häufigsten chronischen Schmerzerkrankungen überhaupt. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, und die Erkrankung tritt typischerweise zwischen dem 35. und 60. Lebensjahr auf — obwohl auch jüngere Menschen und Kinder erkranken können. Besonders belastend: Im Durchschnitt vergehen rund 16 Jahre zwischen dem Auftreten erster Symptome und einer gesicherten Diagnose.

2–4 %
der Bevölkerung in Deutschland
~2–3 Mio.
Betroffene in Deutschland
16 Jahre
bis zur Diagnose
Symptome

Typische Symptome der Fibromyalgie

Fibromyalgie äußert sich in einem breiten Spektrum von Beschwerden, das weit über die namensgebenden Muskelschmerzen hinausgeht. Die Leitsymptome sind:

Weitverbreitete Schmerzen

Muskel- und Gelenkschmerzen in mehreren Körperregionen gleichzeitig, oft wandernd und wechselnd.

Chronische Erschöpfung (Fatigue)

Anhaltende Müdigkeit und Kraftlosigkeit, die durch Schlaf nicht hinreichend gelindert wird.

Schlafstörungen

Nicht erholsamer Schlaf sowie Einschlaf- und Durchschlafstörungen.

Kognitiver Nebel (Fibro-Fog)

Konzentrationsschwäche, Gedächtnislücken und verlangsamtes Denken — als wäre das Gehirn im "Nebel".

Morgensteifigkeit

Steifheitsgefühl in Muskeln und Gelenken beim Aufwachen, das sich im Tagesverlauf bessert.

Überempfindlichkeit

Erhöhte Empfindlichkeit auf Druck, Kälte, Wärme, Lärm oder Licht — typisches Zeichen der zentralen Sensitivierung.

Hinweis: Begleitend können auch Kopfschmerzen, Reizdarmsyndrom, Blasenbeschwerden und psychische Belastungen (Angst, Depression) auftreten. Das Beschwerdebild ist individuell sehr unterschiedlich. All diese Symptome können jedoch auch andere Ursachen haben — eine gesicherte Diagnose kann nur durch einen Arzt gestellt werden.

Diagnose

Wie wird Fibromyalgie diagnostiziert?

Es gibt keine Blutuntersuchung, kein Röntgenbild und keinen anderen technischen Test, der Fibromyalgie eindeutig beweist. Die Diagnose wird klinisch gestellt — anhand standardisierter Kriterien des American College of Rheumatology (ACR), die zuletzt 2016 überarbeitet wurden.

Die Diagnose setzt zwei Skalen voraus:

Widespread Pain Index (WPI)

Erfasst die Anzahl der schmerzhaften Körperregionen (von 19 möglichen Regionen). Jede Region, in der in der letzten Woche Schmerzen aufgetreten sind, wird gezählt. Ein WPI ≥ 7 ist ein wesentliches Diagnosekriterium.

Symptom Severity Score (SSS)

Bewertet die Schwere von Erschöpfung, nicht erholsamem Schlaf, kognitiven Symptomen (0–3 je Symptom) sowie das Ausmaß somatischer Beschwerden (0–3). Der Gesamtscore reicht von 0 bis 12. Ein SSS ≥ 5 ist erforderlich.

Diagnosekriterien nach ACR 2016:
Fibromyalgie liegt vor, wenn gilt: (WPI ≥ 7 und SSS ≥ 5) oder (WPI 4–6 und SSS ≥ 9) — und die Symptome seit mindestens 3 Monaten bestehen und in mindestens 4 von 5 Körperregionen vorhanden sind.

Die Diagnose erfordert außerdem den Ausschluss anderer Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden verursachen können. Dazu gehören Schilddrüsenerkrankungen, entzündliche Rheumaerkrankungen und neurologische Störungen. Allerdings kann Fibromyalgie auch gleichzeitig mit diesen Erkrankungen auftreten.

Abgrenzung

Fibromyalgie und andere Erkrankungen

Wegen der unspezifischen Beschwerden wird Fibromyalgie häufig mit anderen Erkrankungen verwechselt oder übersehen, wenn sie gemeinsam mit diesen auftritt. Die wichtigsten Unterschiede:

Fibromyalgie vs. Rheumatoide Arthritis

Rheumatoide Arthritis ist eine Autoimmunerkrankung mit häufig messbarer Entzündung (erhöhte BSG, CRP, häufig spezielle Rheumawerte positiv). Sie greift Gelenkstrukturen an und zeigt im Röntgenbild nach längerem Krankheitsverlauf sichtbare Veränderungen. Betroffene Gelenke können sichtbar anschwellen und gerötet sein. Fibromyalgie zeigt keine Entzündungszeichen und keine Gelenkzerstörung. Beide können aber gleichzeitig auftreten.

Fibromyalgie vs. Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS)

ME/CFS ist durch extreme Erschöpfung nach Belastung (Post-Exertional Malaise) geprägt und schränkt Betroffene oft schwerer ein. Bei Fibromyalgie stehen Schmerzen im Vordergrund, bei ME/CFS die Erschöpfung. Überschneidungen existieren — eine sorgfältige Diagnose ist wichtig.

Fibromyalgie vs. Schilddrüsenerkrankungen

Eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) kann Muskelschmerzen und Erschöpfung verursachen — ähnlich wie Fibromyalgie. Daher sollte vor der Diagnosenstellung auf mögliche Schilddrüsenerkrankungen untersucht werden. Eine Kombination aus Fibromyalgie und Schilddrüsenerkrankungen (z.B. Hashimoto-Erkrankung) ist ebenfalls nicht selten.

Behandlung

Behandlungsmöglichkeiten bei Fibromyalgie

Es gibt kein einzelnes Medikament, das Fibromyalgie heilt. Der wirksamste Ansatz ist die multimodale Therapie — eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen, die individuell abgestimmt werden. Die aktuelle S3-Leitlinie Fibromyalgie der AWMF empfiehlt:

Patientenschulungen

Das Verstehen der eigenen Erkrankung ist ein zentraler Baustein der Therapie. Patientenschulungen helfen Betroffenen, die Mechanismen der Fibromyalgie zu verstehen, Auslöser zu erkennen und aktiv mit der Erkrankung umzugehen.

Bewegungstherapie

Regelmäßiges Ausdauertraining (Schwimmen, Walking, Radfahren, Yoga) gilt als erste Wahl. Die Aktivität sollte langsam gesteigert werden — Überbelastung ist zu vermeiden.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

KVT hilft dabei, Schmerzbewältigungsstrategien zu entwickeln, Katastrophisieren zu reduzieren und den Umgang mit der Erkrankung im Alltag zu verbessern.

Entspannungsverfahren

Progressive Muskelrelaxation, Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) und Biofeedback zeigen positive Effekte auf Schmerz und Schlafqualität.

Medikamentöse Ergänzung

Die medikamentöse Therapie ist nicht die Hauptsäule der Fibromyalgie-Therapie. Einige Patienten profitieren von Antidepressiva wie Amitriptylin (niedrig dosiert) oder Duloxetin. Klassische Schmerzmittel wirken nur begrenzt und können Risiken bergen. Medikamente sind eher als Ergänzung einzusetzen.

Ernährungsmedizin

Eine anti-inflammatorische Ernährung und gezielte Mikronährstoffversorgung können unterstützend wirken. Informationen zur Ernährungs- und Mikronährstoffmedizin sind wichtige Bestandteile des FibroCoach-Programms.

Psychosoziale Unterstützung

Begleitung durch Selbsthilfegruppen, Online-Gemeinschaften oder strukturierte Fachprogramme stärkt die Selbstwirksamkeit und reduziert Isolation.

Häufige Fragen

Fragen zu Fibromyalgie

Was ist Fibromyalgie?

Fibromyalgie (ICD-10: M79.7) ist ein chronisches Schmerzsyndrom mit weitverbreiteten Muskel- und Gelenkschmerzen, ausgeprägter Erschöpfung und nicht erholsamem Schlaf. Es handelt sich um eine Störung der zentralen Schmerzverarbeitung — keine Entzündung im engeren Sinne, keine Gelenkzerstörung.

Ist Fibromyalgie eine anerkannte Erkrankung?

Ja. Die WHO erkennt Fibromyalgie seit 1992 als eigenständige Erkrankung an (ICD-10: M79.7). Sie ist klinisch definiert und hat konkrete Diagnosekriterien.

Wie wird Fibromyalgie diagnostiziert?

Die Diagnose erfolgt nach den ACR-Kriterien 2010/2016: WPI ≥ 7 und SSS ≥ 5, oder WPI 4–6 und SSS ≥ 9. Symptome müssen seit mindestens 3 Monaten bestehen und in 4 von 5 Körperregionen vorhanden sein. Es gibt keine spezifischen Laborwerte — die Diagnose ist klinisch.

Wie häufig ist Fibromyalgie in Deutschland?

In Deutschland leiden schätzungsweise 2–4 % der Bevölkerung — rund 2 bis 3 Millionen Menschen — an Fibromyalgie. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Unterscheidet sich Fibromyalgie von Rheuma?

Ja, deutlich. Rheumatoide Arthritis verursacht Gelenkentzündungen und ist durch spezifische Blutmarker nachweisbar. Fibromyalgie zeigt keine Entzündungszeichen und keine Gelenkzerstörung. Beide können jedoch gemeinsam auftreten.

Kann Fibromyalgie geheilt werden?

Eine vollständige Heilung ist bislang nicht bekannt. Viele Betroffene erreichen durch multimodale Therapie jedoch eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Aktives Selbstmanagement — Bewegung, Stressreduktion, gezielte Ernährung — ist entscheidend.

Was hilft bei Fibromyalgie-Schmerzen?

Die wirksamste Strategie ist die multimodale Therapie: Kombination aus Patientenschulungen, regelmäßiger Bewegung, kognitiver Verhaltenstherapie und Entspannungsverfahren. Gut informierte Patientinnen und Patienten können aktiver mit ihrer Erkrankung umgehen. Herkömmliche Schmerzmedikamente wirken bei Fibromyalgie oft schlechter als bei anderen Schmerzerkrankungen.

Kann man mit Fibromyalgie Sport machen?

Ja — und es ist ausdrücklich empfohlen. Regelmäßige, moderate Bewegung ist eine der wirksamsten Therapieformen. Geeignet sind beispielsweise Schwimmen, Walking, Radfahren und Yoga. Wichtig ist ein langsamer Einstieg, um Überbelastung zu vermeiden.

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